1. Dezember 2012

Kickstarter: Kann kreative Spielentwicklung ohne "Regulierung" durch Publisher funktionieren?

Die Spielentwicklung wie wir sie kennen läuft eigentlich ganz simpel.
Ein kreativer Entwickler hat eine Idee bzw. ein fortgeschrittenes Spiel, jedoch nicht die Ressourcen um dieses Spiel fertigzustellen oder in die Regale zu bringen. Dafür springt der Publisher ein, indem er sich vorwiegend um Marketing, Produktion und Vertrieb kümmert, wobei er sich bei den Umsätzen ein kräftiges Stück vom Kuchen abschneidet. Teilweise hilft ein Publisher auch bei der Finanzierung von Produkten.
Mit dem Aufkeimen der Onlinedistribution über Plattformen wie Steam, Desura, GOG etc. ist für Entwickler nun schonmal die Problematik mit dem Vertrieb weggefallen - ein Publisher ist zum Erreichen des Zielgruppe nicht mehr nötig. Durch Online-Marketing und das Social Web ist auch die (virale) Vermarktung deutlich einfacher geworden. Zwar ist es unmöglich direkt so viele Leute zu erreichen wie es ein renommierter Publisher tun würde, doch Social Media-Kanäle und geschicktes SEO erlauben es auch einem unabhängigen Entwickler sein Produkt schnell an den Mann zu bringen.
Und mit dem Crowdfunding-Boom der letzten Monate ist nun auch die Finanzierung der Produkte kein Problem mehr - natürlich vorausgesetzt man erreicht seinen Zielbetrag.

Das klingt aus Entwicklerperspektive doch alles wie Zucker. Doch ist so ein Entwickler-"Alleingang" per se etwas Gutes?

Ein Publisher - der ja vor allem ein finanzielles Interesse an der Fertigstellung eines Produkts hat - dient unter anderem ja auch als Kontrollinstanz. Erscheinungsdaten müssen mit regionalen Events, der Saison und vor allem den Erscheinungsdaten der Konkurrenz abgestimmt und geplant werden, Bewerbungsmaßnahmen müssen geplant werden und dem Entwickler muss bei manchen Ideen womöglich ein Riegel vorgeschoben werden, damit ein Produkt endlich der Fertigstellung annähert.
Diese Gegebenheiten haben in den letzten Monaten und Jahren immer wieder zu Problemen geführt. Spiele erschienen in einem deutlich unterentwickelten Zustand und mussten nach und nach via Patches zum Soll-Stand geführt werden (bspw. das Fallout New Vegas Debakel, bei dem YouTube mit Bug- und Glitchvideos regelrecht zugespühlt wurde).

Fallout New Vegas hatte ein paar interessante Bugs

Doch was passiert wenn es niemanden gibt der harte Ziele hinsichtlich Alpha-, Beta- und Gold-Status vorgibt und die Einhaltung der Abmachungen überwacht? Einen kleinen Vorgeschmack gab es erst kürzlich, als die Entwickler des Kickstarter-Projekts Shadowrun Returns verkündeten, dass sie sich - aufgrund ihrer Ideen und vorgenommenen Arbeit - mit der Fertigstellung ihres Spiels um mindestens 3 Monate verspäten werden. Und auch kreative Masterminds wie Tim Schäfer sind nicht unbedingt für ihre vorbildliche Einhaltung von Deadlines in der Spielentwicklung bekannt.
Kann es passieren, dass zu viel ungebändigte Kreativität und der Mangel an eiserner Bürokratie dazu führt, dass Produkte durch "Verzettlung" in den Entwicklungs-Limbo abdriften?

Computerspiele sind hochkomplexe Produkte die aus vielen voneinander abhängigen Bestandteilen bestehen, wobei es schnell zu Verkalkulierungen bei der Ressourcenaufteilung und Aufwandeinschätzung kommen kann. Ist ein Entwickler ohne dazugehörigen Producer oder Produktmanager in der Lage diese Aufgabe alleine zu stemmen - insbesondere nach all den Jahrzehnten bewährter Zusammenarbeit?

Momentan befinden sich die meisten Spiele die durch Crowdfunding finanziert wurden noch in der Entwicklung, weshalb es zu wenig Indizen für eine Beantwortung der Frage gibt. Doch trotzdessen bleibt bei mir die Befürchtung, dass in wenigen Monaten die ersten Hiobsbotschaften hinsichtlich des Umgangs mit den gesammelten Geldern aufschlagen werden. Je nach Ausgang könnte sich dadurch die Art wie die Games-Industrie funktioniert für die Zukunft erheblich verändern.
Aber zu diesem Gedanken schreibe ich in den nächsten Tagen mehr.

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